Das Schrebergärtnern hat sich in den letzen zehn Jahren mächtig verändert. Laubenpieper, das Wort klang einmal nach biederer Stadtflucht, nach Kaffee aus der Thermoskanne und nach Zucchinisuppe, die keiner mag und die niemals endet. Doch Datsche, Schrebergarten & Co sind wieder in, Begriffe wie Urban-Gardening geben dem Pflanzen, Jäten und Buddeln in Berliner Erde einen mondänen Touch. Die Parzellen werden teurer; der Prenzlschwabe treibt die Preise hoch. Und in Designfragen gibt nun eine niederländische Firma nun Nachhilfe: Mit einem Tiny Houses ganz aus Pappe.

Tiny Houses sind die Cupcakes der Immobilienwirtschaft: Irgendwie niedlich, begehrt, allerdings kein Schnäppchen. Das minimalistische Wohnen in stylischen Hobbithäusern wird seit der Finanzkrise 2007 als ‚Small House Movement‘ bezeichnet und ist mehr als eine spinnerte Idee für Vlogger und Hipster. Das Wikkelhouse ist im Segment Tiny House ein echter Design-Star.

Text Michael Divé
Fotos Yvonne Witte

Ein Gartenhaus, bloß um dort Rasenmäher und Elektroschere zu lagern? Das war einmal. Die niederländischen Architekten haben das Prinzip Gartenhütte entstaubt und lassen mit ihrem Tiny House modernes Design und ökologische Technik die gärtnernden Geak-Herzen höher schlagen. Die Außenhülle des Wikkelhouse besteht aus 24 Lagen gewickelter Pappe, daher der Name. Die einzelnen Lagen sind mit einem Naturkleber verleimt. So entsteht ein gut haltbarer, stabiler und gedämmter Hausrohling, dessen Idee ins grüne Idyll der Vorstadt passt, aber auch in jedem Prenzlberg-Hinterhof eine gute Figur machen würde.

Außen schützt eine Folie aus Miotex das Tiny House vor der Witterung, innen wird das Räumchen mit Holz verkleidet. Fertig ist das Wikkelhouse-Element mit den Maßen 1,2o Meter Breite, 4,60 Meter Länge und 3,50 Meter Deckenhöhe.

Sieben Elemente ergeben einen gut 40 Quadratmeter großen Raum, macht dann mindestens 175.000 Euro für das Tine House!

Sieben Elemente ergeben einen gut 40 Quadratmeter großen Raum, macht dann mindestens 175.000 Euro

Tine House - Die Innenwände sind mit Naturholz verkleidet, was den edlen Design-Charakter unterstreicht
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Tine House - So schick sieht das ausgebaute Haus aus
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Tine House - Holzofen oder Solarpanel? Die Amsterdamer Tüftler konzipieren gerade ein energieautarkes Modell

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Tiny House statt Theater

Diese gut fünfeinhalb Quadratmeter kosten 25.000 Euro. Ein stolzer Preis, aber auch nicht teurer als der Quadratmeter in Friedrichshain, wird sich der mondände Schrebergärtner sagen. Man sollte aber schon drei, vier, fünf kaufen. Nebeneinander positioniert werden diese kaum sichtbar miteinander verbunden und lassen sich hinsichtlich ihres Interieurs technisch und gestalterisch hochrüsten: Gartenhaus mit Schlafzimmer. Büro mit Teeküche. Wohnraum plus Schlafzimmer plus Küche und Bad? Allein die Größe des Geldbeutels und der Parzelle entscheidet.

Wer Ideen sucht, findet sie in derzeit nur wenigen Musterhäusern. Da die niederländischen Baumeister von Fiction Factory bisher nur etwa zwölf der Häuser pro Jahr fertigen, sind die Designhäuschen noch rar wie Einhörner und zwischen Zossen und Wandlitz ist man sicher der Star in jeder Gartenkolonie. Zunächst jedoch muss man sich in Geduld üben, denn es gibt eine Warteliste für neue Wikkelhäuslebesitzer. Und die höchste Priorität hat das Wikkelhouse für die Amsterdamer Kreativwirtschafler eigentlich auch nicht: Hauptgeschäftsfeld der Fiction Factory ist bislang die Herstellung von Theaterkulissen, Ladenausstattungen und Messeständen, was das Projekt sympathisch macht.

Hightech-Plaste ohne Reue

Bei der Beständigkeit dieses Tiny House muss der Nutzer übrigens keine Bedenken haben. Ganze 100 Jahre lang soll das Wikkelhouse halten. Danach kann man die Außenfassade auf den Kompost geben, was Umweltschützer dann freuen wird. Ebenso wie die Tatsache, dass die Wellpappe für Boden, Wände und Decke aus skandinavischen Bäume gefertigt wird, aus nachhaltiger Forstwirtschaft, wie das Öko-Portal Utopia jauchzt.

Doch was ist mit der Miotex-Folie, einer atmungsaktive Polypropylen-Membran, was ja so gar nicht nachhaltig klingt? Richtig, nachhaltig ist sie auch nicht. Der Kunststoff verrottet nicht und wird daher gern für Terrassen, Versiegelungen und Dachdämmungen eingesetzt. Pluspunkt gegenüber vielen Verbundkunststoffen: Die für dieses Tiny House verwendetet Hightech-Plaste ist zumindest frei vom bekannten Bisphenol-A, das im Verdacht steht Krebs und Unfruchtbarkeit auszulösen.

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Infos und Bestellungen auf:
wikkelhouse.com

Tine House - Ob als Gartenhaus, Büro oder Show-Room: Das Wikkelhouse ist vielseitig einsetzbar, Tageslicht dringt von vorn und durch die seitlichen Bullaugen

Ob als Gartenhaus, Büro oder Show-Room: Das Wikkelhouse ist vielseitig einsetzbar, Tageslicht dringt von vorn und durch die seitlichen Bullaugen

Tine House - Das Papphaus steht erhöht und trocken. Gegen Wind und Wetter schützt die außenseitige Miotex-Folie, sie sollte alle 30 Jahre erneuert werden

Das Papphaus steht erhöht und trocken. Gegen Wind und Wetter schützt die außenseitige Miotex-Folie, sie sollte alle 30 Jahre erneuert werden